Traditionelle Körperakupunktur
Die klassische Körperakupunktur als Teil der traditionellen chinesischen Medizin hat eine seit über 2000 Jahren bestehende Tradition. Alte Schriften dokumentieren Akupunkturnadelungen viele Jahrhunderte vor Christi.
Vieles ist über die Wirkung der Akupunktur noch nicht bekannt und gerade in der fernöstlichen Forschung werden immer wieder neue Erkenntnisse gemacht.
Eine entscheidende Errungenschaft in der Akupunktur ist die Erforschung des Akupunkturpunktes selbst. Dieser befindet sich im Bereich eines Faszienloches (einer Art Bindegwebsplatte) an der Körperoberfläche, durch das ein Gefäß-Nervenbündel tritt und das von einem Ring mit doppelt so vielen Rezeptoren (vorstellbar als Andockorte für Botenstoffe) umgeben ist wie die Umgebung nur 5mm daneben. Über 80% der Akupunkturpunkte stimmen mit diesen sogenannten Heine-Zylindern, benannt nach dessen Entdecker, überein. Und wenn man bedenkt, dass in der embryonalem Entwicklung, also unser Entstehen im Mutterleib, Haut und Nervensystem aus demselben Keimblatt, dem Ektoderm, (einer definierten Zellschicht, die sich weiter differenziert) entstehen, ist es nicht verwunderlich, dass unsere Haut nicht nur unser größtes Sinnesorgan ist, sondern hierüber auch Signale in tiefere Körperregionen sowie zum zentralen Nervensystem weitergegeben werden können.
Weitere spannende Erkenntnisse sind unter anderem:
- Akupunkturpunkte werden Spinalnerven zugeordnet, wodurch eine kutiviszerale Informationsübermittlung, d.h. über die Haut zu den Organen, stattfindet. Der Spinalnerv selbst wird im Bereich des Rückenmarks als Umschaltstelle genutzt.
- Diese Informationsübermittlung ist jedoch keine Einbahnstraße, sondern funktioniert bidirektional, also in beide Richtungen. Haut und Organe stehen über sogenannte kutiviszerale und viszerokutane Reflexe (z.B. der klassische linksseitige Armschmerz bei einem Herzinfarkt) in ständiger Wechselwirkung.
- Neben biochemischen Abläufen in unseren Zellen und deren Umgebung, brauchen unsere Zellen elektrische Impulse, um zu funktionieren. Akupunkturpunkte zeichnen sich in diesem Zusammenhang in einer 3,4-fach höheren elektrischen Kapazität aus.
- Durch die Stimulation eines Akupunkturpunktes werden die Nervenzellen angestoßen vasoaktive Botenstoffe (das sog. Vasoaktive intestinale Peptid (VIP)) auszuschütten, wodurch die Mikrozirkulation, sprich Durchblutung und Austausch auf kleinster Ebene, zunimmt.
- Die Behandlung von Schmerzzuständen bildet einen wesentlichen Schwerpunkt in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Wirkspektrums der Akupunktur. So wissen wir mittlerweile, dass über die Akupunktur körpereigene Endorphine ("Glückshormone") gebildet und freigesetzt werden. Gleichzeitig werden zentral, also in unserem Gehirn, schmerzhemmende humorale Substanzen gebildet und über das Liquorsystem, also unserem Nervenwasser, zu den peripheren Nervenzellen geleitet.
- Bei Menschen unter Narkose wurde ein Schmerzreiz ausgelöst und danach wurden 50% von diesen an Schmerzpunkten akupunktiert und die anderen 50% nicht. Das Ergebnis war bezeichnend: Nur bei den akupunktieren schlafenden Probanden konnte eine Abflachung der evozierten Potentiale beobachtet werden, also eine Reduktion des Schmerzsignals.
- Seitdem mittels funktionellen (Stoffwechsel, Durchblutung) MRT-Untersuchungen Hirnregionen bei der Arbeit beobachtet werden können, konnte nachgewiesen werden, dass eine Nadelung von Akupunkturpunkten zu einer Aktivierung der zugehörigen Hirnregionen führte.
Unser körpereigenes Schmerzsystem wird auf drei Ebenen angesteuert:
Diese zahlreichen Erkenntnisse zeigen, was für ein außergewöhnliches Potential die klassische Körperakupunktur in der Behandlung von den verschiedensten Beschwerde- und Krankheitsbildern verbirgt.
362 Punkte auf 14 sogenannten Akupunkturleitbahnen
Zu den klassischen Akupunkturpunkten auf ihren Leitbahnen kommen noch zahlreiche Extrapunkte, lokale Ashi-Punkte (druckdolente Punkte) oder auch bestimmte Triggerpunkte sind der Werkzeugkasten, mit dem jedes Beschwerdebild individuell behandelt werden kann. Natürlich kann die Akupunktur an sich keine zerstörten Strukturen wieder herstellen. Aber sie unterstützt, in dem sie psychovegetativ (seelisch beeinflusste unbewusste Körperfunktionen), immunmodulatorisch (das Immunsystem beeinflussend) und schmerzlindernd wirkt.
Zu den wesentlichen Indikationen gehören laut WHO folgende:
- Erkrankungen der Atemwege
- Akute Nebenhöhlenentzündung
- Akute Nasenschleimhautentzündung
- Allgemeine Erkältungskrankheiten
- Akute Mandelentzündung
- Bronchial- und Lungenerkrankungen
- Akute Bronchitis
- Lungenasthma
- Augenerkrankungen
- Akute Bindehautentzündung
- Zentrale Netzhauterkrankung
- Kurzsichtigkeit bei Kindern
- Linsentrübung ohne Komplikationen
- Erkrankungen der Mundhöhle
- Zahnschmerzen
- Schmerzen nach Zahnextraktion
- Zahnfleischentzündung
- Akute und chronische Rachenentzündung
- Magen- und Darmerkrankungen
- Krämpfe der Speiseröhre und des Magens
- Schluckauf
- Akute und chronische Magenschleimhautentzündung
- Übersäuerung des Magens
- Chronisches Zwölffingerdarmgeschwür
- Magensenkung (Gastroptose)
- Akute und chronische Dickdarmerkrankungen
- Akute bakterielle Magen- und Darmerkrankungen ( "Magen - Darm - Grippe" )
- Verstopfung
- Durchfall
- Darmlähmung (paralytischer Ileus)
- Neurologische Erkrankungen
- Kopfschmerzen
- Migräne
- Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerz)
- Gesichtsnervenlähmung
- Lähmung nach Schlaganfall
- Periphere Nervenstörungen
- Lähmung nach Kinderlähmung
- Morbus Menière
- Neurogene Blasenstörung
- Nächtliches Einnässen
- Rheumatoide Arthritis
- Orthopädische Erkrankungen
- Kopfschmerzen
- Rippenschmerzen (Interkostalneuralgie)
- Schulter-Arm-Syndrom
- Entzündung der Schultergelenkskapsel
- Tennisellbogen
- Ischialgie
- Lumbalgie
- LWS-Syndrom
- HWS-Syndrom
- Postdiscotomiesyndrom
Anhand dieser Liste können Sie schon das breite Spektrum erkennen und Sie können erahnen, dass sich, auch wenn die WHO diese Indikationen nennt, nicht jedes Beschwerdebild gleich gut mit Hilfe der Akupunktur behandeln lässt. Bei allem gilt immer, dass die Akupunktur komplementär, das heißt ergänzend zu weiteren Therapien betrachtet werden muss.
Auch wenn es nicht viele gibt, ist es wichtig auch die absoluten Kontraindikationen zu wissen:
- akuter chirurgischer Interventionspflicht
- akuten lebensbedrohlichen Erkrankungen
- erhöhter Blutungsneigung, bei welcher subkutane Injektionen untersagt sind, u.a. schwere Hämophilie mit Quick-Wert <25% (INR >2,7)
- schwere psychische Störungen mit beeinträchtigender kognitiver Wahrnehmung und Beurteilung (Psychose, Schizophrenie)
- Präfinalstadium